Sombrero-Segler: Freizeitkapitän im Schleudergang

Ein Waschmaschinen-Fabrikant ohne Boot und Erfahrung – trotzdem wollte Hobbysegler Ramón Carlin 1973 bei der härtesten Regatta um die Welt starten. Die Mexikaner-Crew war eine Lachnummer. Bis der Wind sich drehte.

Die Ankunft des Mexikaners in der südenglischen Hafenstadt Portsmouth sorgte für Verblüffung. In seinen Augen, die hinter einer schweren, schwarzen Hornbrille hervorblitzten, lag Entschlossenheit. Ramón Carlin, 49, wollte sich zum Whitbread Round the World Race anmelden, dem heutigen Ocean Race. Was er mitbrachte: kein Boot, keine Crew, kaum Erfahrung.

Erst seit wenigen Jahren war Segeln sein Hobby, aber Carlin war stur. „Ich sagte ihnen nur, wenn es losginge, dann würde ich da sein“, erinnerte er sich. Einige Wochen später war es so weit: Am 8. September 1973 stach er in See.

Der Plan, bei der härtesten Regatta um die Welt mitzusegeln, entstand zufällig: Carlins Sohn Enrique, 17, wollte seine erst 14-jährige Freundin heiraten. Um das zu verhindern, wollte der Vater ihn auf ein irisches Internat schicken. Als beide einen Zwischenstopp in London machten, sah Carlin senior eine Zeitschriftenanzeige zur ersten Whitbread-Mannschaftsregatta mit vier Etappen. „Mein Vater fragte mich: Sollen wir um die Welt segeln? Ich antwortete: Na klar, gar kein Problem“, sagte Enrique später im Dokumentarfilm „The Weekend Sailor“ des mexikanischen Regisseurs Bernardo Arsuaga.

Für die führenden Segelnationen ging es ums Prestige. Die britische Marine hatte sechs Jachten gekauft, 800 Segler getestet, die vier besten Zehn-Mann-Crews für jeden Abschnitt des Rennens ausgesucht. Frankreich entsandte Seglerlegende Éric Tabarly. Über Ramón Carlin lächelten alle nur. In seiner Crew waren neben Sohn Enrique auch noch zwei Neffen und seine Frau Paquita, die nicht schwimmen konnte.

Täglich sechs Flaschen Wein plus Kaviar satt

Hinzu kamen allerdings einige sehr erfahrene Profisegler aus den Niederlanden, den USA, Australien und Großbritannien. Gespür bewies Carlin ebenso beim Bootskauf – die „Sayula II“, eine 65-Fuß-Swan-Jacht-mit fünf Segeln. Das Beste, was es zu dieser Zeit gab.

Das nötige Kapital brachte Carlin mit. Als Jugendlicher hatte er früh die Schule verlassen und war nach Mexiko-City gezogen. Zunächst arbeitete er in einer Seifenfabrik, zog dann als Vertreter für Besteck, Kochtöpfe und Pfannen von Tür zu Tür. Der Verkauf von Waschmaschinen und anderen Haushaltsgeräten ab 1960 machte ihn zum Millionär.

Britische Journalisten spotteten über die Mexikaner. Ein Zeitungscartoon gab sie der Lächerlichkeit preis: Die Männer trugen Sombreros, hielten Siesta an Bord, eine Flasche Tequila in der Hand, eine Gummi-Schwimmente als Rettungsring um die Hüfte. Niemand nahm Carlin und seine Crew ernst. Was sich bald änderte.

Am Morgen des 8. September 1973 wurde die „Sayula II“ von zwei irischen Priestern gesegnet und mit Weihwasser besprüht. Nach dem Startschuss begleiteten über 3000 Boote mit begeisterten Zuschauern die 17 Jachten hinaus aufs Meer. Vor den Crews lagen 27.000 Seemeilen (50.000 Kilometer). Die erste Etappe führte von Portsmouth nach Kapstadt, dabei war auch das deutsche Schiff „Peter von Danzig“ des ASV Kiel.

Die Gattin drohte mit Scheidung

Damit es seiner Crew an nichts mangelte, hatte Carlin einen Koch mit an Bord genommen. Vor dem Abendessen wurde der Aperitif auf einem Silbertablett serviert – sofern es der Seegang erlaubte. Zu den Mahlzeiten gab es sechs Flaschen Wein am Tag; der britische „Telegraph“ berichtete auch über reichlich Kaviar im Proviant.

In den 40 Tagen bis Kapstadt brach der Mast des Franzosen Tabarly, während die „Sayula II“ für erstes Aufhorchen sorgte – mit perfekter Kurswahl bei der ersten Etappe lag sie schon auf Platz zwei hinter der britischen „Adventure“.

Doch die Tage auf See hatten Spuren hinterlassen. Stürme und bis zu 15 Meter hohe Wellen – vor allem Ramón Carlins Gattin Paquita zählte die Stunden an Bord. Schon überlegte Carlin, ihr zuliebe aufzugeben. Doch Paquitas Antwort war unmissverständlich: „Das kannst du machen. Aber wenn du die Regatta abbrichst, lasse ich mich von dir scheiden!“, erzählte sie später.

Nun ging es um den Stolz Mexikos und um Carlins Ehe. An Bord erwarb sich der Kapitän großen Respekt. „War jemand seekrank, übernahm Carlin seine Nachtwache. Er trocknete auch das Ölzeug, wenn wir das vergessen hatten. Andere hätten gebrüllt, aber so war er nicht“, erinnerte sich Crewmitglied Butch Dalrymple-Smith in der „New York Times“ an den „perfekten Skipper“.

Kapitän über Bord

Die zweite Etappe von Kapstadt nach Sydney wurde noch schwieriger. Carlin und seine Crew lernten die „Roaring Forties“ kennen, die gefürchteten Stürme des Südpolarmeers rund um die Vierziger-Breitengrade. Dann passierte es: „Mann über Bord!“, Kapitän Carlin war von Deck gerissen worden. Doch er hing an einem Segel, die nächste Welle hob ihn wieder an, die Männer konnten ihn zurück an Bord ziehen.

Andere hatten weniger Glück. So ging auf der Jacht „33 Export“ der französische Co-Skipper Dominique Guillet über Bord und blieb vermisst. Auch zwei weitere Segler ertranken beim Whitbread 1973.

Die „Sayula II“ wurde hart geprüft, als sie in einer Riesenwelle kenterte und mit Wasser volllief. Hastig verteilte Crewmitglied Keith Lorence Eimer zum Schöpfen und erinnerte sich in der Doku mit einem Grinsen: „Es gibt keine bessere Pumpe als ein paar Männer, die die Hosen voll und einen Eimer in der Hand haben.“

Nach dem Kentern versagte das Funkgerät – kein Kontakt mehr nach außen. Die Regatta-Organisatoren nahmen an, dass die Jacht untergegangen war. Carlins Crew hatte keine Ahnung, auf welchem Platz sie lag. Kurz vor dem zweiten Etappenziel Sydney kam starker Wind auf, die „Sayula II“ raste auf Platz eins.

Einige Wochen darauf stand mit Kurs auf Rio de Janeiro eine schwierige Entscheidung an: Sollten sie die schnelle Route Richtung Kap Hoorn wählen, mit dem Risiko, Eisberge zu rammen? Oder doch den längeren, aber sicheren Weg weiter nördlich? Die „Adventure“-Konkurrenz wagte sich in den Süden, noch vor der Hoorn-Passage gingen zwei Mann über Bord. Der Franzose Tabarly erlitt mit seinem Schiff den zweiten Mastbruch und gab entnervt endgültig auf.

Karneval in Rio und der Endspurt

Carlin indes gewann weiter Zeit und lief erleichtert Rio an. Dort genossen seine jungen Segler die Freuden des Karnevals. Mit Begleiterinnen badeten sie nackt am Strand von Ipanema, wurden verhaftet, konnten aber aus dem Gefängnis entkommen, nachdem sie einen Wärter bestochen hatten.

Von Rio ging es weiter nach Portsmouth. Der Mast drohte zu brechen, die Crew kämpfte unaufhörlich: „Es gab drei Tage, da haben wir 150 Mal die Segel gewechselt. Alle 30 Minuten!“, erinnerte sich Butch Dalrymple-Smith.

Wieder funktionierte das Funkgerät nicht. Am 17. April war die Mannschaft knapp vor dem endgültigen Ziel und wusste nichts über ihre Platzierung, als zwischen der Isle of Wight und Portsmouth plötzlich Helikopter über der „Sayula II“ auftauchten. Von einem Begleitboot wurde eine Kiste Champagner herübergereicht. Am Spätnachmittag lief die Crew aus Mexiko nach 133 Tagen und 13 Stunden ein. Carlin hatte das erste Mannschaftsrennen um die Welt gewonnen, Tausende jubelten ihm zu.

Die Sombrero-Segler hatten es allen Spöttern gezeigt und fuhren auf der Themse nach London, zu ihren Ehren öffnete sich die Tower Bridge. Prinz Philip überreichte die Trophäe an Carlin. In Mexiko wurde er zum Sportler des Jahres ernannt, danach wurde es bald wieder still um den Hobbysegler.

Im Mai 2016 starb Ramón Carlin im Alter von 92 Jahren. „Der Unterschied waren mein Boot und diese Crew. Wir hatten keine Zeit zum Üben“, zitierte ihn die „New York Times“ im Nachruf. Gegen die Segelelite hatte er sich durchgesetzt. Gegen den Willen seines Sohnes nicht: Kurz nach dem gemeinsamen Sieg heiratete Enrique Carlin doch seine Freundin. Die Ehe hält seit über 40 Jahren, noch immer sticht das Paar auf der „Sayula II“ in See – häufig auch mit Ramón Carlins Enkelkindern.