Segler Arnt Bruhns: „Ich habe mich nie einsam gefühlt“

Er war drei Wochen allein auf See. Weder Unwetter noch Müdigkeit, Hunger oder Schwertwale konnten ihn stoppen.

Guadeloupe/Hamburg. Segler sind hart im Nehmen. Und der familiäre Anhang, in diesem Fall die Ehefrau, ebenfalls. Das merkt man unter anderem an den kernigen Formulierungen. „Fünf bis acht Zentimeter mehr Platz hat er im Bund bestimmt“, sagt Sandra Valeska-Bruhns nach der offenbar persönlichen Begutachtung des Bauchumfangs. „Die Knöpfe braucht er jedenfalls nicht zum Aufmachen. Die Hose rutscht auch von allein runter.“

So spricht eine liebende Ehefrau, nachdem der Angetraute Montagfrüh etwa gegen fünf Uhr Ortszeit mit seinem Segelschiff in den Hafen von Guadeloupe eingelaufen ist – und erkennbar reichlich Körpergewicht verloren hat. 21 Tage, 20 Stunden, 18 Minuten und sieben Sekunden war Arnt Bruhns (49) mit seiner „Iskareen“ auf hoher See. Allein. Segelte solo von Saint Malo in der Bretagne in die Karibik. Dazwischen lagen mehr als 3500 Seemeilen, drei Unwetter bringende Tiefs und damit verbundene Umwege sowie am Ende auch noch ein die Segel schlaff machendes Hoch – gerade als sich der ehrgeizige Amateur noch einmal gepuscht hatte, um die lauernde Konkurrenz auf der Ziellinie hinter sich zu lassen.

Hohe Ausfallquote

Lohn der Anstrengung am Ende: eine Flasche Rum, ein Korb mit Früchten als Präsent fürs Durchhalten vom Veranstalter und Platz 17 in seiner Bootsklasse. Insgesamt hatten 17 von 52 Konkurrenten schon früh aufgegeben. Ursprünglich waren 132 Skipper in sechs verschiedenen Bootsklassen gestartet. Bruhns Fazit nach der Extremtour: „Diese Regatta war das erwartet besondere Erlebnis.“

So unaufgeregt und abgeklärt klingt es, wenn ein Norddeutscher eine der berüchtigtsten Transatlantikquerungen geschafft hat: die „Route Du Rhum“, alle vier Jahre ausgetragen und auch in diesem Jahr wieder überschattet von hoher Ausfallquote, gekenterten Schiffen und Seenotrettungsaktionen der spektakulären Art. Mittendrin der vierfache Vater Bruhns mit seinem zwölf Meter langen Schiff. Zwar hat der Spross einer segelsportverrückten Familie schon so manches Abenteuer bestanden und viele, viele Tausend Seemeilen in spektakulären Regatten zurückgelegt, doch die waren zumeist eingebettet in eine Mannschaftsleistung und nicht, wie dieses Mal, allein als Einhandsegler absolviert, wie der Fachbegriff lautet.

Erst einmal ein deftiges Frühstück

Ehefrau Sandra und auch Arnt-Bruder Sören waren jedenfalls glücklich, ihn endlich wieder in die Arme schließen zu können. Die beiden waren noch vor dem Anlegen an Bord gegangen, um ein paar innige Minuten ohne öffentliche Beobachtung zu haben. Nach dem Begrüßungsinterview dann später auf dem Pier im Hafen gab es für den hungrigen Skipper erst einmal ein deftiges Frühstück: ein großes Bier („auf Ex“!) und ein Steak mit Pommes frites. „Die hatten die Küche extra für meinen Mann geöffnet“, sagt Valeska-Bruhns.

Die naheliegende Frage, ob es nicht unverantwortlich ist, sich als Familienvater den unzweifelhaft vorhandenen Gefahren einer Allein-Atlantiküberquerung auszusetzen, beantwortet das Ehepaar gleichlautend. Angst habe er zu keinem Zeitpunkt gehabt, sagt Arnt Bruhns. Dazu sei er viel zu beschäftigt gewesen. Außerdem habe er nur ankommen wollen. „Ich bin den Risiken möglichst ausgewichen.“ Und auch Valeska-Bruhns beteuert, sich wenig Sorgen gemacht zu haben. „Er weiß, was zu tun ist. Und dass er lange unterwegs ist, sind wir gewöhnt.“

Beigetragen zur Beruhigung hat die permanent mögliche Verbindung via Satellitentelefon. „Ich habe es immer angehabt“, sagt Bruhns. „Trotz der hohen Kosten.“ Da auch das Internet fast ausnahmslos funktionierte, ließ er Familie, Freunde und Fans mit einem Online-Tagebuch sowie Fotos und Videos teilhaben an seinem Alltag an Bord. „Ich habe mich nie einsam gefühlt“, sagt er. „Der Draht nach Hause war so gut. Alle haben mitgefiebert. Das war toll.“ Vor allem, weil die Lieben daheim ihm für jeden Tag der Reise ein Säckchen mitgegeben hatten, das er auspacken konnte. Einer der Höhepunkte darin waren die Trockenfutterkringel von Familienhund Toni.

Serranoschinken und ein Schluck Sherry

War er dennoch mal müde, frustriert oder verzagt, halfen die Musik der „Toten Hosen“ und auch Rolf Zuckowski mit seinem Kinderlied „Ich schaff das schon, ich schaff das schon, ich schaff das ganz alleine“ über das Stimmungstief hinweg. Auch eine Partie Patience oder Solitär am Computer brachten andere Gedanken – wenn es das Wetter und die Arbeit an Bord zuließen. Für das innerliche Wohlbefinden waren ein Stück vom mitgebrachten Serranoschinken in Verbindung mit einem Schluck aus der Sherryflasche und zum Nachtisch Gummibärchen das Durchhalterezept. Die leere Alkoholflasche treibt inzwischen als Flaschenpost durch den Atlantik.

Im Dauerregen, wenn die Wellenberge alles von ihm forderten, wenn Algen das Schiff zu umschlingen drohten, oder ein plötzlich auftauchender Schwertwal den unruhigen Stundenschlaf auf dem Sitzsack im Cockpit unterbrach, dachte Bruhns manchmal an die Zusicherung der französischen Marineflieger, dass kein Seemann, der in Not gerät, länger als zehn Stunden auf Hilfe warten muss. „Ich bin froh, dass ich es nicht ausprobieren musste, obwohl ich manchmal so müde war, dass ich dachte, es geht nicht mehr.“

Genügend Wind hinter dem Segel

Für Hochgefühle sorgten jene Tage, an denen alles stimmte. Genügend Wind hinter dem Segel, um bei bis zu 20 Knoten dahinzufliegen und eine freundliche Sonne. „Das entschädigt für alle Anstrengungen“. Wenn alles gesackt ist, wird besonders das Ergebnis in Erinnerung bleiben: nicht nur durchgehalten, sondern im vorderen Drittel gelandet – und den ein oder anderen Profi hinter sich gelassen. „Einfach fantastisch“, sagt Bruhns.

Derzeit wird das ebenfalls von den Strapazen gekennzeichnete Schiff instand gesetzt und dann ins Winterquartier verfrachtet. Am Wochenende geht es zurück nach Hause. „Auf das Wiedersehen mit den Kindern freue ich mich am meisten“, sagt Arnt Bruhns. Einen Lebenstraum hat er sich erfüllt. Vor dem 50. Geburtstag. Weitere sollen folgen.