Advent-Segeln bei “Herzinfarktbedingungen” – Muss man sich das antun?

Die Binnen-Nikoläuse des RCR im Südwesten der Republik heizten bei acht Beaufort über den See. Doch bis es soweit war, mussten schwerwiegende Entscheidungen gefällt werden!

Eigentlich müssen diese Zeilen mit den Erlebnissen am Vorabend begonnen werden. Denn bekanntlich gibt es keine echten Freuden ohne Vorspiel. Was bitteschön wörtlich zu nehmen ist, denn am Samstag – also eine Nacht vor der angesagten Nikolausi-Segelei – spielte der Laser-Grandmaster-Barde und begnadete Bassist B. mit seiner fabelhaften Blues-Rock-Band „Freigang“ vor und auf. Ausgerechnet in einer (von zwei?) lizenzierten Raucherkneipen unserer Heimatstadt, was wiederum für den weiteren Verlauf der Geschichte interessant ist, weil sich im Hals des Autors schon nach den ersten drei, vier Stücken ein Kratzen bemerkbar machte, das später noch eine kleine Rolle spielen wird.

Einen Abend lang allerbeste Mukke, die gestandenen Ü60-Laser-Junx mehr als würdig war: Stones, Hendrix, Burdon, Clapton und, und, und. Zum Raucher- kam noch das Gröhlkratzen im wunden Hälschen hinzu und auch die Hände – beim Segeln bekanntlich besonders strapazierte Körperteile – schwollen vom ständigen Applaus bedrohlich an. Was für ein beschwingter Abend mit durchweg motivierenden Songs für die Dinge, die da unser harrten!

Nur ein Stück schien mir in Freigang’s Repertoire zu fehlen – die Melodie hatte ich im Kopf, aber wie lautete noch mal der Refrain?
“Hohohohoooooo”

Schon beim Heimgang von der Kneipe rauschte es beachtlich in den Baumwipfeln, doch führten wir den Lärm in unseren Ohren noch auf „Freigangs“ ziemlich laute Zugaben zurück .

Als wir schließlich am Sonntag in aller Herrgottsfrühe (10 Uhr!) unter dem schützenden Vordach des Clubhauses im “RC Rastatt” standen und über unseren See blickten, knallte es (gefühlt) mit mindestens doppelt so vielen Beaufort.

Nun muss man dazu sagen, dass der Goldkanal im äußersten Südwesten der Republik zwar als traditionsreiches Regattarevier bekannt ist, in Sachen „Windstärke“ jedoch eher mit „schwach“ bis höchstens mal „frisch“ gesegnet wird. Was uns der Windgott allerdings diesmal bot, war schlicht atemberaubend: Ständige sechs, in Böen bis acht Beaufort. windy.tv prognostizierte sogar gegen Mittag neun Bf… hohohohooooo!

Entsprechend lang die Gesichter der (meisten) Nikoläuse, die sich – wie jedes Jahr rund um den 6. Dezember – zum zünftigen Absegeln eingefunden hatten. Bei typischen Goldkanal-Windstärken segeln normalerweise über ein Dutzend Boote, deren Skipper mit Nikolausmützen den Glühwein-erleuchteten Schädel wärmen, auf dem Altrheinarm. Und das übrigens auch bei Schneefall. Aber so? Badewetter bei fünf Grad Wassertemperatur?

Da standen wir nun mit unseren dusseligen Nikolaus-Mützen auf dem Kopf, deren klingelnde Bommel in den Böen horizontal nach hinten wehten. Zwei Fraktionen starrten auf den (manchmal) kochenden See: Die Jungspunde mit freudig erregtem Gesichtsausdruck („das wird geil!“) und die ältere Riege mit eher abgetörnten Mienen („Herzinfarktbedingungen!“).

Während sich die Jungen schon mal in die Umkleideräume begaben, teilte sich die letztgenannte Master- und Grandmaster-Segelgemeinschaft erneut in eine Zweiklassengesellschaft. Die Mehrheit wandte sich händereibend der Gulaschsuppe und dem Glühwein zu, die Minderheit starrte weiterhin gebannt auf den See und brabbelte vor sich hin. Auszüge: „Muss ich mir das antun?“,“ was mache ich hier?“, „im Sommer kein Problem, aber jetzt?“, „mein Trocki ist undicht, mein Neopren schon so alt, dass er sich auflöst“ etc. p.p.
Wie wär’s mit Abwechseln?

Der Autor dieser Zeilen hatte innerlich ebenfalls abgewunken, weil ein Kratzen im Hals eindeutig eine Erkältung ankündigte. Womit kurz vor Weihnachten ja nicht zu spaßen ist! Und die Hände tun weh, und eins von den Bierchen gestern muss wohl…

Doch dann wollte der ebenfalls zweifelnde, deutlich jüngere Laser-Kumpel J. mir weitere Argumente liefern: „Wir brauchen da nich’ raus. Ich hab’ Familie und Du hast Alter!“ Hallo? Alter?

Eine Viertelstunde später stand ich gestiefelt und mit mehreren Lagen Neopren bewehrt auf dem Steg.

Unser allumsichtiger und stets vernünftige Segelwart hatte beschlossen, dass ein Rettungs-Motorboot drei Jollen absichern soll: Zwei Laser mit Radial- und 4.7er-Segel und einen Finn unter Vollzeug (für die Schweren ? ). Alle Segelwilligen sollten sich abwechseln und gut is’ .

Weise Entscheidung, wie ich fand. So geht schon nicht mein Boot kaputt. Und zwischendurch mal ein bisschen Pause mit den Junx auf dem Motorboot… auch nicht zu verachten.

Und so kam es, dass fünf Nikoläuse in Böen bis zu acht Windstärken (jawoll!) über den See heizten. Es war göttlich: Einmal in Fahrt zählen die Kühlschranktüren bekanntlich zum Schärfsten, was die Jollenwelt zu bieten hat. Und sogar auf dem Finn kam eindeutig Spaß auf.

P. fuhr perfekte Laser-Powerhalsen in den Böen, der Finn schaffte mit freundlicher Unterstützung des Motorbootes einen Stecker und alle kenterten zumindest ein Mal mit teils grandiosen Stunts.

Kann ein Nikolausi mehr erwarten?

Kein Wimmern wegen Kälte, kein Plärren wegen „Rücken“, kein Jammern mangels Kondition. Einfach über den See glühen, und wenn’s dann reicht, rauf aufs Motorboot und die Pinne abgeben. Mal ehrlich: Kann ein segelnder Nikolaus mehr erwarten?

Irgendwann, als ich mit hochrotem Kopf (der Neopren-Kragen staute unten das Blut im Hals, die kleidsame Neopren Kappe erledigte das selbe von oben) nach einer etwas missglückten San Francisco-Rolle im Wasser hängend vor mich hin sinnierte, fiel mir doch glatt der fehlende Song-Refrain von gestern Abend wieder ein: „…dann sind wir Helden, für einen Tag!“ David Bowies „Heroes“ – passt doch, oder!