Schon bald soll es mitten auf dem Ozean stabiles und schnelles Internet geben

Starlink-Satellitennetzwerk

 
 
 

Mit dem Starlink-Satellitennetzwerk soll das Überallinternet entstehen. Stirbt damit das klassische Blauwassersegeln aus?

Mit einer Falcon 9-Rakete hoben gestern 60 Satelliten ab, die das Langfahrtsegeln in der nahen Zukunft umkrempeln werden. Denn die Satelliten gehören zu einem viel größeren Netzwerk, das schon im nächsten Jahr einen schnellen Internetzugang aus dem All anbieten soll – zumindest in Nordamerika. Mit dem gestrigen Start umkreisen bereits 120 Starlink-Satelliten die Erde. In den nächsten Jahren sollen über 10.000 Satelliten das Internet in die entlegensten Regionen der Erde bringen. Und damit auf den Ozean.

Hinter Starlink steckt Elon Musk. Der Visionär und Tesla-Chef gründete schon 2002 das Unternehmen SpaceX, um Weltraumfahrt günstiger zu gestalten. Mittlerweile ist es das größte kommerzielle Unternehmen für Raketenstarts. Musks Raketen versorgen die ISS, bringen Satelliten ins All und einen Tesla auf den Weg zum Mars. Mit Starlink möchte Musk der gesamten Bevölkerung der Erde einen Internetzugang bieten.

Mit der kurzen Nachricht, die Elon Musk am 21. Oktober 2019 über den Kurznachrichtendienst Twitter in die Welt entließ, testete Musk die Funktion von Starlink: „Sende diesen Tweet durchs All via Starlink-Satelliten“. Noch ist das Netzwerk nicht ausreichend, um die ganze Erde abzudecken, doch der Tweet zeigt, dass das System funktioniert. Schon im nächsten Jahr soll Nordamerika entsprechend abgedeckt sein. Anschließend soll Stück für Stück der Rest der Welt erschlossen werden. Zu den Investoren von SpaceX gehört auch der Google-Mutterkonzern Alphabet, der ein großes Interesse daran haben sollte, eine weltweite Internetverbindung zu etablieren.

Für uns Segler bedeutet das auch einen enormen Einschnitt. Selbst mitten auf dem Atlantik oder dem Pazifik gäbe es eine stabile Internetverbindung. Und eine schnelle noch dazu! Mit bis zu 1 GB/s soll der Nutzer surfen können. Zum Vergleich: Im Iridium-Netzwerk sind es nur 128kbit/s. Im Orbit werden die Daten durch Laser von Satellit zu Satellit weitergegeben – mit Lichtgeschwindigkeit, die im Vakuum des Alls nicht ausgebremst wird. Der Prozess könnte beispielsweise so aussehen: Ein Segler befindet sich mitten auf dem Atlantik und tippt eine Whatsapp, die über Funk quasioptisch (und mit Lichtgeschwindigkeit) an den nächsten Satelliten übertragen wird. Innerhalb des Netzwerkes leiten Laserstrahlen die Daten weiter bis zu einem Satelliten, der sich über dem Empfänger in Deutschland befindet und die Nachricht über Funk zustellt. In der Theorie läuft dieser Prozess schneller ab, als auf der Erde. Zwar werden Daten über Glasfaserkabel auch mit Lichtimpulsen übertragen, aber das Medium Glasfaser bremst die Impulse dennoch ab. Noch dazu sind die Wege oft wesentlich länger.

Die Technik birgt viele Vorteile, doch der größte Kritikpunkt von Starlink ist die Anzahl an Satelliten selber. Wenn in naher Zukunft wirklich bis zu 12.000 Starlink-Satelliten im Orbit kreisen, sind das mehr Satelliten als die Menschheit seit Sputnik 1 ins All geschossen hat. Das könnte zu gefährlichen Kollisionen im All führen. Doch Kritiker befürchten auch eine Neuordnung des Nachthimmels, da die Satelliten von der Erde aus zu sehen sind, wenn die Sonne auf der Metalloberfläche reflektiert wird. Das war eindrucksvoll schon im Mai zu sehen, als der „Starlinkzug“ über den Nachthimmel zog. Laut Musk soll es aber zu keinen Beeinträchtigungen kommen.

In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich wahrscheinlich gerade in der Blauwasserszene einiges ändern. Kein Segler wäre mehr „aus der Welt“. Niemand wäre mehr genötigt „auszusteigen“. Das Thema Langfahrt dürfte für viele Segler dadurch wieder interessanter werden. Auch die Berichterstattung wird sich ändern. Zwar sind Vlogs und Social-Media-Posts heute schon in der Blauwasserszene mehr oder weniger selbstverständlich, doch das Überallinternet durch Starlink wird noch mehr Möglichkeiten schaffen.

Auch die Sicherheit kann gesteigert werden. Neue Notfallsysteme können das bestehende Cospas-Sarsat-Netzwerk ergänzen. Bisher ist ein großer Nachteil, dass es für den Havarierten kein Feedback gibt, ob sein Notruf (EPIRB,PLB) empfangen worden ist. Seenotleitstellen könnten über eine ständige Internetverbindung hingegen aktiv mit dem Verunglückten kommunizieren. Theoretisch ließen sich auch die Daten aus dem Bordnetzwerk an die Retter übertragen, um den Überblick an Bord zu verbessern. Ausrüster und Hersteller können entsprechendes neues Sicherheitszubehör entwickeln. Eine detaillierte Fernwartung oder -diagnose könnte selbst in der entlegensten Ankerbucht helfen, den Motor wieder in Gang zu bekommen. Seewetterberichte und Simulationen könnten in hoher Auflösung an Bord empfangen werden. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Doch vielleicht wird Blauwassersegeln dann auch nicht mehr das sein, was es mal gewesen ist. Schließlich gehen viele auf Törn, um mal richtig abschalten zu können.