Segeln – die Naturkräfte beherrschen?

Wer mag hier wohl aufs Meer schauen: Ein Segler? Ein Philosoph? Oder doch ein Grenzschützer?

 
 
 

Über das offene Meer segeln: ein wahres Sinnbild der Freiheit. Doch das Spiel zwischen eigener Kraft und der Übermacht der Wellen kann beim Segeln nur genießen, wer dem Meer nicht schutzlos ausgeliefert ist.

Eine Hand an der Ruderpinne sitze ich achtern in der Plicht. Die Nacht bricht herein. Mein Blick ruht fest auf meinen Zielpunkt am Horizont. Ein Leuchtturm in zwei Meilen Entfernung. Plötzlich frischt der Wind von Südwest auf. Ich hole die Großschot dicht, das Segel wird bauchig, als der Wind hineinfährt und immer größer wird die Kraft der Wellen, die gegen den Bug schlagen.

Das Boot krängt und als ich mich auf die Luvseite über die Bordwand stemme, beginnt das Abenteuer. Wind und Wasser, die Elemente in der Kunst des Segelns zu beherrschen: Es gibt kaum ein größeres Gefühl der Freiheit.

Der schier unendliche Raum des Meeres nimmt mich in seinen kontemplativen Schoß und mein Bug wird von den Wellen spielerisch vor sich hergeschoben, hinauf in die Höhe und wieder hinab, begleitet vom aufbrandenden Rauschen des Weltmeeres. Ich segle.

Dialog zwischen eigener Kraft und der Wucht des Meeres

Segelnd ins offene Blaue. Die Beherrschung der Elemente und die Erkundung des Unbekannten – das sind Metaphern für die Freiheit. Frei von Grenzen, Normen oder Konventionen ist der Segler nur seinem eigenen Kurs verpflichtet.

Wachsam sitze ich an der Ruderpinne und spüre, wie Strömung und Geschwindigkeit ineinandergreifen. Es geht beim Segeln um ein feinfühliges Gespür für den Dialog zwischen der eigenen Kraft und den elementaren Naturkräften. Und um die Einsicht, nicht alles beherrschen zu können. Die Ambivalenz des Meeres, das mal idyllisch und spiegelglatt, dann wieder aufgewühlt und tödlich ist: Es war auch unter den Philosophen stets diese Doppelgesichtigkeit, die das Denken anregte.

Das Meer kann Freiheit und Glück bedeuten, aber es droht auch mit dem Tod in den Wellen. Die Schifffahrt und die Weite des Meeres finden sich also nicht ohne Grund in vielen philosophischen Texten. Das ist schon seit Platons „Politeia“ so, als der Staatsmann ein guter Steuermann sein sollte. Auch Hegel beschrieb das Philosophieren als ein „sich ins Denken werfen wie in einen uferlosen Ocean“, in dem alle Fixpunkte verschwinden und nur der innere Stern des Geistes leuchte.

Coleridges Ballade vom alten Seefahrer

Es ist sicherlich diese Unverfügbarkeit und Übermacht der Elemente, die auch den Romantiker und Philosoph S.T. Coleridge in seiner Ballade des alten Seefahrers umtrieb.

„Und dann, der Wind…er steht

Tag um Tag, Tag um Tag,

Saßen wir fest, kein Hauch trieb uns an;

Reglos wie ein gemaltes Schiff

Auf einem gemalten Ozean.“

Wie das Meer betrachten: vom Land oder der tosenden See?

Vom Land betrachtet verlieren die wilden Wogen des Meeres dagegen ihren Schrecken. Weit entfernt von der Ruderpinne kann es sich schon einstellen, das Gefühl des Erhabenen, des Anmutigen, das Philosophen von Burke über Kant beschrieben haben, als sie ans Meer dachten. Zwischen dem entfernten Blick aufs Meer und dem Erfahren der Naturkräfte beim Segeln im Meer gibt es jedoch einen besonderen Unterschied: die eigene Verletzlichkeit.

Vom Land aus – fern der tosenden See – lässt sich leicht Philosophieren über Recht, Gesetz und Ethik. Auf den schwimmenden Städten, den heutigen Kreuzfahrtschiffen, lässt sich die Gefährlichkeit des Ozeans genauso wenig erfahren wie in den Zentren der politischen Macht an Land. Das Erhabene im Meer zu sehen und gleichsam seinen Schrecken zur politischen Abschottung zu nutzen, ist die Doppelgesichtigkeit der Moral, die sich heute offenbart.

Das Seerecht ist in einer Zeit entwickelt worden, da es galt, die Risiken der Seefahrt einzugrenzen. Eine Erfahrung, die dem Blick des Seglers entsprang, nicht dem des Kreuzfahrttouristen oder der Grenzpatrouillen.

Freiheit und Kontrolle zugleich

Die Seefahrt bringt uns ins Offene, ins Blaue hinein, an unbekannte Ufer. Doch ob wir dort ankommen, hängt auch davon ab, ob man in die Karibik segelt, auf einem Kreuzfahrtschiff die Reise im Liegestuhl verbringt oder ob man auf einem Schlauchboot über das Mittelmeer fährt. Freiheit und Kontrolle müssen das richtige Maß finden. Immer wieder.

Freiheit und Lust am Unbekannten, am Spiel mit den Wellen kann auf dem Meer nur erleben, wer den Kräften der See genauso wie den Kräften der Politik nicht hilflos ausgeliefert ist. Nur wer ein Segel hat, hat auch eine Chance, zu steuern.

Der Wind frischt aus Südwest auf, die Strömung wird stärker, Ebbe setzt ein. Im Segelboot spüre ich die Gezeiten, direkt unter mir. Während sich die Kreuzfahrttouristen den Pullover überwerfen, heißt es für mich: aufkreuzen und den Hafen anpeilen. Segeln gegen den Strom. Nirgendwo freier als hier.