Leonard erfüllt den Segel-Traum des Vaters

Wellen, Wind und Willenskraft: Leonard Stock aus Arendsee will bis an die Weltspitze segeln.

 
 
 

Wie der Vater so der Sohn – selten passt der Spruch so gut wie bei Vater Florian und Sohn Leonard Stock. Florian ist der wohl erfolgreichste Segler, der auf dem Arendsee unterwegs ist. Leonard tritt allmählich aus seinem Schatten. Er hat es sogar auf die Sportschule in Kiel geschafft.

„Das Segeln wurde mir in die Wiege gelegt“ – erzählt Leonard Stock, während wir uns auf dem Weg zum Bootssteg des Regattavereins Arendsee unterhalten. Schon mit sechs Jahren habe er durch Vater Florian das Segeln gelernt. „Zuerst ein wenig erzwungenermaßen. Im Endeffekt hat es mir dann aber doch Spaß gemacht, dann habe ich das Segeln intensiver betrieben“, blickt der heute 18-jährige Leonhard auf seine Anfänge zurück. „Dann wurde ich motivierter und ehrgeiziger, wollte auch bei Regatten ganz vorn mitfahren. So hat sich dann der Trainingsehrgeiz durchgesetzt.“

Viel Training ist in diesen Tagen auf dem Arendsee aber nicht möglich. Als wir den Holzsteg betreten, fällt schnell auf: Hier fehlt Wasser. „Rund 70 Zentimeter“, wirft Vater Florian Stock ein. Seine Jolle liegt derzeit nicht am Anlieger. Sie würde schlichtweg auf Grund laufen. Umso besser für Leonard, dass er regelmäßig in Kiel trainiert. Seit zwei Jahren besucht er dort die Sportschule. Mit 16 Jahren musste Leonard seine Heimat verlassen, um den nächsten Schritt zu gehen. In Kiel hat er bessere Trainingsbedingungen, die Zusammenarbeit zwischen Schule und Segelstützpunkt funktioniert besser.

Leonard träumt von Olympia

Beim Blick auf den fast spiegelglatten Arendsee fällt Florian noch ein weiterer, gravierender Unterschied ein: „Die Welle. Auf der Ostsee können sich viel besser größere Wellen aufbauen. Und das Wellensegeln macht am Ende auch den Unterschied bei Welt- und Europameisterschaften aus.“ Leonard weiß, wovon er spricht. Im Juniorenbereich, also bei den unter 21-Jährigen, hat er schon an Welt- und Europameisterschaften teilgenommen. In diesem Frühjahr wurde er zudem deutscher Juniorenmeister. Von seinem Wechsel nach Schleswig-Holstein hat er offenbar schon profitiert. Vor allem die Konkurrenz ist da nämlich deutlich größer – auch im Training. „Die Top-Athleten des deutschen Segelsports sind alle in Kiel. Kiel ist der Bundesstützpunkt des deutschen Seglerverbands. Das heißt, dass die gesamten Kadersportler dort trainieren.“ Auch die Olympioniken. Zu denen will Leonard eines Tages gehören.

Für die kommenden Jahre ist ganz klar das Ziel, den Anschluss an die internationale Spitze im Seniorenbereich zu finden. Denn da geht es dann auch um die Olympischen Spiele. Die sind das ganz große Ziel.
Leonard Stock

Kein Sport für Faulpelze

Bis zu den Olympischen Spielen ist es aber noch ein weiter Weg. Das Training dafür ist vielseitig, erklärt Leonard: „Zum einen gehört theoretisches Training dazu, man muss sich viel Taktik anlesen. Dann muss man viel auf dem Boot sein, um Bootsbeherrschung zu gewinnen und die angelesene Strategie umzusetzen.“ Und die Fitness muss stimmen: „Man trainiert auch viel im Kraftraum, das wissen viele gar nicht. Viele denken, dass Segler nur faul rumsitzen und wir die typischen Sonntagssegler sind. Für das Olympische Segeln muss man aber viel nebenbei arbeiten. Ich gehe jeden Tag in den Kraftraum, um mich für die härteren Wetterbedingungen fit zu halten.“

Vater Florian, sein alter Trainer, kann ihm dabei nur noch wenig helfen – nicht nur weil der Sohn oftmals mehrere hundert Kilometer weit weg ist: „Athletisch kann ich ihm nichts mehr beibringen, auch im Ausdauer- und Kraftbereich nicht. Taktisch kann ich ihm aber noch ein bisschen helfen. Und in Fragen der Bootspflege: Das Boot muss gut gepflegt sein, denn der beste Segler gewinnt nichts, wenn das Boot versagt oder gar etwas kaputt geht.“

Segeln – ein Band, das verbindet

Vater und Sohn sind auch heute noch eng miteinander verbunden. Sie teilen die Leidenschaft für den Segelsport: „Beim Segeln kommt es auf viele Sachen an. Es reicht beispielsweise nicht, sich nur mit viel Krafttraining fitzumachen, falls es mal welliger ist. Man muss auch bei leichtem Wind die Konzentration hochhalten können. Ich würde sagen, Segeln ist wie Schach auf dem Wasser“, schwärmt Leonard. Wenn es bei Leonard in einem Wettkampf mal nicht gut läuft, dann ist Florian immer noch mit Tipps zur Stelle. Immerhin kennt Florian das Segelgeschäft in- und auswendig. Er hat auch den Arendsee‘r Regattaverein 08 mit aufgebaut. Man merkt ihm den Stolz an, der ihn erfüllt, wenn er von den Beginnen des Vereins im Jahr 2008 berichtet.

Vaters Karriere hatte unsportliche Grenzen

Wir verlassen den Steg, überqueren einen Radweg und erreichen das Bootshaus – einen Neubau, der nach Vereinsgründung errichtet wurde. Wir nehmen Platz auf der Terrasse im Obergeschoss. Von hier haben wir einen tollen Blick über den stillen See.

Florian erzählt, dass auch ihm das Segeln in die Wiege gelegt wurde. Im Alter von sieben Jahren waren seine Eltern mit ihm nach Arendsee gezogen. Sein Vater kannte das Revier schon. Der sportliche Weg war somit vorgezeichnet. Doch dem heute 49-Jährigen blieb der Übergang vom Amateur- in den Profibereich verwehrt. Aus politischen Gründen wurde er nicht für die Sportschule in Schwerin zugelassen. „Ich hatte die notwendigen sportlichen und schulischen Leistungen erbracht. Aber wir wurden als politisch nicht sauber eingestuft. Mein Vater war in keiner Partei und meine Tante ist in den Westen abgehauen. Damit war mir eine Seglerkarriere verbaut, obwohl mich die Trainer gern an der Sportschule in Schwerin gesehen hätten“, blickt Florian zurück. Dem Segelsport ist der gelernte Bootsbauer trotzdem treu geblieben. Seit 1982 fährt er regelmäßig bei deutschen Meisterschaften im Amateurbereich mit – und das erfolgreich.

Hilfreiche Tipps und laute Worte

Da er selbst nie auf die Sportschule durfte, freut sich Florian umso mehr für seinen Sohn, dass er diesen Weg nun beschreiten kann. Florian fiel es deshalb auch nicht schwer, seinen Sohn schon mit 16 Jahren gehen zu lassen. Und egal, wie weit die Entfernung zwischen beiden ist: Die Leidenschaft zum Segeln ist und bleibt eine starke Verbindung: „Die Haupttrainer sind ja schon seit Jahren andere. Da will ich gar nicht mehr groß ins Tagesgeschäft reinreden. Wenn es aber um ein paar Tipps geht, bin ich noch da“, freut sich der Vater.

Sein Sprössling nimmt diese Tipps auch dankend an. Harmonisch war das gemeinsame Segeltraining aber nicht immer. „Ab und zu gibt es auch laute Worte, natürlich. Aber solange es auf einer lockeren Basis funktioniert, ist das okay“, fasst Florian zusammen. Leonard bestätigt mit einem Grinsen im Gesicht: „Wenn man mal einen Fehler gemacht hat, hat ihn das schon auf die Palme gebracht. Aber wenn man das ausgewertet hatte, war es dann doch wieder eine lockere Stimmung.“

Dass sich das viele Training gelohnt hat, da sind sich Vater und Sohn einig. Aber wer ist heute der bessere Segler? Florian klärt auf: „Ich als Amateursportler bin eher auf Binnenseen unterwegs. Da kommt es doch auf andere Dinge an als auf See. Auf dem Meer ist Leonard der bessere Segler, weil er das in Kiel auch intensiver betreibt. Auf dem Binnenrevier hat er es gegen den alten Mann noch schwer.“ Spätestens wenn sich Sohn Leonard aber seinen Traum erfüllt und bei den Olympischen Spielen segelt, wird Vater Florian einräumen müssen, dass er mit seinem Sprössling auch auf dem Arendsee nicht mehr mithalten kann.