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Seychellen: Einfach mal ins Glück segeln

Alles beginnt mit der Liebe ….

Die ersten Riesenschildkröten, denen ich begegne, haben gerade Sex. Man kann sich das nicht wirklich vorstellen, Schildkröten sind ja recht stille Tiere – aber das Männchen, das da in einem gemauerten Gehege mit seinem schweren Körper über dem zierlichen Weibchen hängt, hört sich beim Geschlechtsverkehr an wie ein Grizzlybär mit Zahnschmerzen. Brüllen, Pause, brüllen, Pause, untenrum wird geackert, oben geächzt, und dabei sabbert der Schildkrötenmann der langsam weiterkriechenden Schildkrötenfrau mit einem stetig fließenden Speichelfaden auf den Kopf.
Wer mit über 60 alle Kraft in die Arterhaltung steckt, hat es nicht verdient, ausgelacht zu werden, aber es ist der komischste Liebesakt, der mir jemals untergekommen ist. Und ich lache ja vor allem, weil ich mich so freue.

Es gibt mehr als 100000 Riesenschildkröten auf den Seychellen

Die Seychellen mit ihren puderzuckerweißen Stränden und der „Bacardi“-Feeling-Berühmtheit sind so schon eine einzige pralle Verlockung. Aber dass hier mehr als 100000 Riesenschildkröten leben, verleiht dem 115 Inseln umfassenden Staat im Indischen Ozean einen ganz besonderen Zauber, den ich unbedingt erleben wollte. Weil ich mich an einem Ort, wo riesige gepanzerte Urtiere weitgehend ungestört über hundert Jahre alt werden können, dem Paradies so nahe fühlen könnte wie nirgendwo sonst auf der Welt. Und lautstarker Sex in der Öffentlichkeit gehört in meiner Vorstellung vom Paradies definitiv dazu. Schöne Männer auch.

Ron ist der Skipper – und maximal lässig

Ron hat ein hinreißend verschmitztes Lachen, lange Rasta-Zöpfe und genau die Art von Muskeln, die es braucht, um beim Segelsetzen maximal lässig zu wirken. Er ist der Skipper auf der „Costa Rica“ und hatte uns zwei Tage zuvor auf dem 25 Meter langen Katamaran begrüßt, auf dem wir in den nächsten sieben Tagen von der Hauptinsel Mahéaus die nördliche Inselwelt der Seychellen erkunden würden.

„Schuhe aus! Die kommen in die Kiste dahinten“, lautete seine erste Ansage – an Bord laufen alle barfuß. Damit ist die Kleiderordnung klar: Mit Flatterkleid und Shorts und T-Shirt kommt man als Passagierin der „Costa Rica“ super durch die Woche. 22 Gäste sind wir, die meisten davon Paare. Ich frohlocke still, weil ich meine Doppelkabine nicht teilen muss – sie ist winzig. Ein Bett, ein Tischchen, ein Mini-Bad, dazu eine knackige Klimaanlage – aber wer will schon drinnen sein, wenn auf dem Sonnendeck große weiche Matten zum Rumlungern ausliegen?!

„Poissons volants!“, ruft Lionel – und sofort springen die dösenden Sonnenanbeter auf und versammeln sich neben dem Belgier, der als Hobbysegler das Steuerrad von Co-Skipper Russell übernehmen durfte. Fliegende Fische flattern vor dem Boot über die Meeresoberfläche, es sind Tausende – ein willkommener Show Act auf der fünfstündigen Fahrt vom Sainte Anne Marine National Park vor Mahézur Insel La Digue.

Der nächste Ruf gilt einer Gruppe Delfine, die neben der „Costa Rica“ herumspringen, und später ist es Russell, der „Poisson!“ ruft, weil ein Gelbflossen-Thunfisch an einer der Angeln am Heck des Boots hängt.

Türkisblaue Wasser, dunkelgraue Granitfelsen und leuchtendes Grün

Mehr Abwechslung brauche ich nicht – es ist ein köstliches Vergnügen, einfach nur unter dem geblähten Hauptsegel an Deck zu liegen, die Wellen zu spüren und gelegentlich den Platz zu wechseln, weil der Schatten wandert.

Erst als wir am Nachmittag an den Stränden von La Digue vorbeiziehen, stehen wieder alle an der Reling. „Grand Anse, Petite Anse und Anse Cocos gehören zu den zehn schönsten Stränden der Welt“, erklärt Ron, und der Stolz, der dabei mitschwingt, ist absolut berechtigt. Das türkisblaue Wasser, die dunkelgrauen Granitfelsen mit dem leuchtenden Grün drum herum, all das ist von betörender Vollkommenheit.

Keine Liegen, keine Sonnenschirme, keine Eisbuden und Mülleimer – und kein Mensch weit und breit. Es ist früh am nächsten Morgen, Russell hatte mich um sechs im Hafen von La Digue mit dem Schlauchboot an den Anleger gebracht, und von dort bin ich mit dem Fahrrad zur Grand Anse gefahren, um den Sonnenaufgang zu erleben. Noch nie bin ich über so schöne Strände gelaufen, noch nie habe ich eine Stunde lang allein unter einer Palme gesessen und immer nur geschaut und gestaunt angesichts einer so atemberaubenden, unberührten Natur.

Wandern, Baden an Traumstränden, Dschungel-Touren – und zwischendurch segeln

La Digue ist nur zehn Quadratkilometer groß, es gibt eine einzige Kreuzung, und auf der Straße sind außer ein paar Taxis und Pick-up Trucks ausschließlich Fahrräder und Fußgänger unterwegs. Wandern gehen, ist neben dem Baden an Traumstränden die zweite große Attraktion hier, es gibt Touren durch den Dschungel, die man besser mit Guide macht und welche, die sich mühelos auf eigene Faust unternehmen lassen. Mittags und ohne ausreichend Wasser gehen allerdings nur Tropentrottel los, und obwohl ich nach einer guten Stunde den Nid d’Aigle erklommen habe, kann ich den herrlichen Blick von diesem höchsten Punkt der Insel nicht so richtig genießen, denn: Es ist sehr heiß, und ich habe nichts mehr zu trinken.

Doch im Paradies verdurstet man nicht, man läuft einfach ein Stück den Berg hinunter und kommt an einem Garten vorbei, in dem ein üppiger Baum mit leuchtend gelben Sternfrüchten wächst. „Willst du probieren?“, fragt der Gartenbesitzer, als er meinen bewundernden Blick sieht. Sein kleiner Sohn klettert blitzschnell hoch und pflückt ein halbes Dutzend Früchte für mich. Zuckersüß und saftig sind sie – ganz anders als die grünlichen sauren Dinger, die ich an Weihnachten als Dessert-Deko verwende, und ich bin ganz aus dem Häuschen vor Freude und Dankbarkeit.

Elke schwärmt nach dem Tagesausflug beim Abendessen an Bord vor allem von ihrem Mann. „Nach dreißig Jahren Beziehung habe ich ihn heute von einer ganz neuen Seite kennengelernt“, sagt sie und erzählt, wie der Arno auf der Straße Richtung Norden mit großem Einsatz frisch geschlüpfte Schildkrötenbabys abgeschirmt habe, damit sie auf ihrem Weg ins Meer nicht von verpeilten Fahrradfahrern überrollt werden.

Sabine und Hubert zücken auf dieses Stichwort hin ihre Kamera und zeigen die wirklich entzückende Wasserschildkröte rum, die ihnen tags zuvor beim Schnorcheln vor die Linse geschwommen war. Ich verspüre spontan Schildkrötenneid, denn meine beiden heute hatten zwar Sex, liefen aber nicht frei rum, und so richtig süß fand ich sie auch nicht.

Zwischenstopp auf Cousin Island

Am nächsten Tag treffen wir George. Er ist etwa hundert Jahre alt und umlagert von japanischen Touristinnen mit Selfie-Sticks. Tatsächlich spielen die Riesenschildkröten aber eher eine Statistenrolle auf Cousin Island, die eigentlichen Stars sind die Vögel, denen man hier so nahe kommt wie kaum irgendwo sonst auf der Welt. „Es gibt hier keine Ratten, keine Katzen und keine Hunde – die Vögel haben also keine natürlichen Feinde. Und weil sie keine Angst haben müssen, nisten sie sogar auf dem Boden“, erkärt Ranger Alex, der uns über die Insel führt, die im Besitz der Vogelschutzorganisation Birdlife International ist.

Die Vögel auf Cousin Island haben keine Feinde

Morgens waren wir vom Katamaran in Schlauchboote gestiegen und am Strand abgesetzt worden, wo wir uns als Erstes gründlich mit „Autan“ einsprühen durften – das Eiland ist auch ein Stechmückenparadies. Cousin Island kann nur von angemeldeten Gruppen besucht werden, und die Ranger wachen mit Argusaugen darüber, dass das Ökosystem und seine Bewohner nicht gestört werden. Die Versuchung ist groß – zu gern würde man dem kleinen Weißschwanz-Tropikvogelküken, das an einer Banyanbaum-Wurzel kauert, über den schneeweißen Flaum streichen.

Auch die Feenseeschwalbe, die wir am Strand bewundern, ist eine kleine Sensation: Sie legt ihre Eier auf Astgabeln und nistet, ein grandioser Balanceakt, komplett ohne Nest. Weil gerade Eiablage-Saison ist, könnten wir mit Glück Schildkröten an den Strand kommen sehen, sagt Alex, der mit den anderen Rangern regelmäßig die markierten Stellen im Sand kontrolliert. Immerhin zehn Nester der vom Aussterben bedrohten Grünen Meeresschildkröte haben sie in den vergangenen Tagen hier gezählt. „Die werden immer noch von Menschen gegessen – deshalb sind sie so gefährdet“, erklärt Alex, „aber wer erwischt wird, muss bis zu fünf Jahre ins Gefängnis.“

Über die Hälfte der Seychellen steht unter Naturschutz, das Aldabra-Atoll mit der weltweit größten Riesenschildkrötenkolonie im Süden und das Vallée de Mai auf Praslin gehören zum Weltnaturerbe der Unesco.

Zwei Stunden verbringe ich später am Nachmittag in dem dicht bewachsenen Zauberwald, der nicht nur Touristen, sondern auch Wissenschaftler aus aller Welt anzieht. Hier wächst die berühmte Coco de Mer, die größte aller Kokosnüsse. Unter den riesigen Seychellenpalmen fühle ich mich wie in einer urzeitlichen Kathedrale aus Blättern. Diese Art Pflanzen gab es schon in den Zeiten der Dinosaurier. Und auch damals wird es hier nach Popcorn gerochen haben – denn das ist der Duft, den die Blüten der Coco de Mer verströmen.

Picknick auf der Privatinsel Grande Sœur

Der Duft von gegrilltem Fisch lockt mich am fünften Tag unserer Tour mitsamt Schnorchel-Ausrüstung aus dem Wasser. Die „Costa Rica“ hat vor der winzigen Privatinsel Grande Sœur geankert, und wir verbringen den halben Tag mit Fische-Gucken, Baden und einem üppigen Festmahl. Nelson, der Schiffskoch, der uns schon an Bord aufs Feinste versorgt hat, übertrifft sich am Grillplatz selbst. Red Snapper und köstlich gewürzte Hähnchenschenkel, Brotfruchtsalat und Salat aus grünen Mangos drängen sich mit zahlreichen Bierflaschen auf den beiden langen Holztischen.

Keine Alge weit und breit

Obwohl ich nach einer halben Stunde fast platze, will ich gleich wieder ins Meer, diesmal zum Baden am Sandstrand auf der anderen Seite der eieruhrförmigen Insel. Tolle Strände und türkisblaues Meer habe ich in den letzten Tagen endlos gesehen – aber das hier ist nicht von dieser Welt: Kein Fitzelchen, nicht die kleinste Alge treibt in diesem Wasser. Die Wellen rollen weich und kraftvoll auf mich zu, sie schaukeln meinen Körper, als wollten sie mit mir spielen, ein Zustand purer Wonne. Momente wie im Himmel. Auf dem Rückweg sehe ich aus dem Augenwinkel einen großen grauen Stein. Er erhebt sich auf vier Beine und läuft langsam los. Wir sind ganz allein auf der Wiese, die Riesenschildkröte und ich, und ich sinke auf die Knie und streichele ihren kühlen weichen Hals.

Als ich später an Bord meinen Bikini an der Reling aufhänge, bleibt Ron kurz neben mir stehen und legt seine Hand auf meine Schulter. „Are you happy, princess?“, fragt er mich grinsend, und ich muss lachen, weil sich bislang noch kein Mann auf diese Weise nach meinem Befinden erkundigt hat. Aber vielleicht sieht man einfach nicht so oft im Leben so unverschämt glücklich aus.

Die Segelkreuzfahrt auf den Seychellen

Die beschriebene Katamaran-Tour bietet Thomas Cook im Katalog „Signature Finest Selection“ an. Acht Tage inklusive Unterkunft in einer Doppelkabine, Vollpension, ohne Flug ab 1279 Euro, mit Flug ab 1834 Euro (www.thomascook.de/signature/finest-selection). Es sind keine Segelkenntnisse erforderlich.

Beste Reisezeit

Die beste Reisezeit für die Seychellen sind die Monate Juli, August und September – die Temperaturen sind angenehm und es regnet nur selten.

BRIGITTE Woman 12/17